Gillette: We Believe The Best Men Can Be – YouTube-Kampagne
Der Mut zur Kontroverse: Wie Gillette Männlichkeit neu definierte
Gillette wagte den radikalen Bruch: Statt Rasierklinge und Macho-Werbung rückte die Marke toxische Männlichkeit und MeToo ins Zentrum — und erntete dafür sowohl massiven Backlash als auch beispielloses Earned Media.
Das Social Asset
KPIs & Ergebnisse
Gillette und die Krise der Männlichkeit
Gillette — seit 1989 mit dem Slogan "The Best a Man Can Get" — war eine der stabilsten Marken im globalen Konsumgütermarkt. Doch unter dem Druck der MeToo-Bewegung, wachsender Dollar-Shave-Club-Konkurrenz und sinkender Markenloyalität bei jüngeren Männern entschied sich Procter & Gamble im Januar 2019 für einen radikalen Schritt: Der Slogan blieb, die Bedeutung wurde umgekehrt. "The Best Men Can Be" fragte plötzlich nicht mehr nach dem besten Rasierergebnis, sondern nach dem besten Charakter. Die Kampagne löste eine der größten Marketing-Kontroversen der Dekade aus — und bewies, dass Haltung mehr PR-Wert generiert als jedes klassische Mediabudget.
- 30 Jahre Slogan-Kontinuität — "The Best a Man Can Get" als Ausgangspunkt
- MeToo-Kontext 2019: gesellschaftlicher Druck als strategische Chance
- Procter & Gamble: globaler Konzern mit maximaler Marktexponierung
- Konkurrenz: Marktanteilverlust an disruptive Direct-to-Consumer-Marken
YouTube-Backlash als Kampagnentreiber
Der 108-sekündige Film, entwickelt von Grey New York unter Regie von Kim Gehrig, zeigte Männer, die sexuelle Belästigung, Mobbing und toxisches Machotum — mal aktiv ausüben, mal passiv dulden, mal mutig unterbrechen. Die YouTube-Veröffentlichung erzeugte sofortige Polarisierung: Innerhalb von 48 Stunden sammelten sich Hunderttausende Dislike-Klicks, Boykottaufrufe und Hashtag-Stürme. Gleichzeitig explodierten positive Shares und Mediencoverage. Der Social-Media-Anstieg von über 11.700 Prozent in einer Woche ist historisch einmalig. Was oberflächlich wie ein PR-Desaster wirkte, war in Wahrheit ein präzise kalkulierter Resonanzraum: Gillette bekam mehr Earned Media als durch jeden bezahlten Kanal möglich gewesen wäre.
- 108-Sekunden-Film: narrative Vielfalt — Täter, Zuschauer, Held
- Regie Kim Gehrig: ausgewiesene Spezialistin für sozialkritische Werbung
- +11.722 % Social-Media-Anstieg in einer Woche nach Launch
- 1,4 Mio. Online-Erwähnungen — organisch generiert durch Polarisierung
- Earned Media überstieg jedes denkbare Paid-Media-Budget
Moral Licensing und die Psychologie der Empörung
Gillette spielte bewusst mit dem Prinzip des Moral Licensing: Wer die Kampagne teilt, signalisiert der eigenen sozialen Umgebung Progressivität und Haltung. Gleichzeitig aktivierte die Kritik an Männlichkeitsnormen tief verankerte Identitätsreflexe — sowohl bei denen, die sich angegriffen fühlten, als auch bei denen, die sich bestätigt sahen. Beide Gruppen teilten, kommentierten und multiplizierten die Botschaft. Psychologisch entscheidend ist dabei die Funktion von Empörung als Amplifikator: Empörte Menschen sind algorithmisch gesehen die aktivsten Nutzer. Gillette nutzte diesen Mechanismus nicht trotz des Risikos, sondern wegen ihm — und setzte damit einen neuen Standard für Purpose-Driven Marketing in polarisierten Gesellschaften.
- Moral Licensing: Teilen als soziales Identitätssignal
- Identitätsreflex: Kampagne triggerte beide politischen Lager gleichzeitig
- Empörung als Algorithmus-Turbo: Wut und Zustimmung sind gleich aktiv
- Purpose-Driven Marketing: Haltung als Differenzierungsstrategie
- Langzeitwirkung: Markenprofil bei jüngeren Zielgruppen gestärkt
Was Marketer daraus lernen können
- Polarisierung erzeugt Reichweite: Mut zur Kontroverse generiert mehr Earned Media als jedes Werbebudget — wer nichts riskiert, wird nicht gesehen
- Purpose braucht echten Wandel: Markenbotschaften zu gesellschaftlichen Themen funktionieren nur, wenn sie authentisch zur Markenidentität passen
- Backlash ist kein Scheitern: Negativreaktionen belegen, dass eine Botschaft relevante Nerven trifft — langfristig stärkt das die Marke
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